Kleine Lawinenkunde: Was sind Lawinen und wie entstehen sie?
Eine Lawine ist eine dynamische Masse aus Schnee, Eis sowie Luft und löst sich an steilen Berghängen, wo sie meist mit großer Kraft ins Tal donnert. Dabei entstehen sie durch physikalische Prozesse innerhalb des Schneeprofils.
- Temperaturunterschiede: Große Temperaturdifferenzen zwischen dem wärmeren Erdboden und der kalten Luft führen zur Umwandlung von Schneekristallen.
- Schwachschichten: Es entstehen kantige, lockere Kristallformen, die als instabile Gleitschichten im Schneedeckenaufbau fungieren.
- Spannungsaufbau: Wind und Neuschnee lagern sich auf diesen lockeren Kristallen in gebundenen Schichten ab.
Bitte beachten Sie zudem, dass durch die Nutzung unserer Dienste und der Einbindung der YouTube API Services die YouTube Terms of Service sowie die YouTube API Services Terms gelten und Ihre Nutzung unserer Website als Zustimmung zu diesen Bedingungen betrachtet wird.
Die bedeutendsten Lawinenarten im Überblick
In der alpinen Lawinenkunde wird grundsätzlich nach fünf primären Lawinenarten unterschieden, die sich durch ihren Anrissmechanismus, ihre Feuchtigkeit und ihre Fließdynamik charakterisieren lassen.
Schneebrettlawine
Schneebrettlawinen zeichnen sich durch einen markanten, linienförmigen Bruchanriss aus. Dabei gleitet eine zusammenhängende, gebundene Schneeschicht auf einer darunterliegenden schwachen Schneeschicht ab. Diese Lawinenart erreicht typischerweise eine Breite von 50 m sowie eine Länge von 150 m bis 200 m und entwickelt Geschwindigkeiten von bis zu 100 km/h. Aufgrund der großen Schneemassen, die hier in Bewegung kommen, sind Schneebrettlawinen die häufigste Unfallursache beim Freeriden, da sie zumeist durch die Zusatzbelastung eines Wintersportlers, der mit Ski oder einem Snowboard durch den Tiefschnee schneidet, selbst ausgelöst werden.Staublawine
Staublawinen entstehen nach intensiven Neuschneefällen meist an Steilhängen mit einer Hangneigung von mehr als 40 Grad. Sie donnern als große Aerosolwolke aus feinen Schneekristallen sowie Luft zu Tal und durch die Beimischung großer Luftmengen bildet sich hier zudem eine Druckwelle, die Geschwindigkeiten von bis zu 300 km/h erreichen kann! Und diese Kombination aus einer enormen Fließgeschwindigkeit und einer dichten Staubwolke erzeugen Staublawinen einen gewaltigen Luftdruck, der auch im flacheren Gelände große Kräfte entfaltet.Lockerschneelawine
Lockerschneelawinen entstehen an einem einzelnen Punkt am Berg im ungebundenen Schnee und breiten sich dann birnen- oder dreiecksförmig nach unten aus. Aber im Vergleich zu Schneebrettlawinen transportieren sie in der Regel geringere Schneemassen und bewegen sich mit einem moderateren Tempo. Sie treten häufig kurz nach ergiebigen Neuschneefällen oder durch intensive Sonneneinstrahlung auf, wenn lockere Schneekristalle an Steilhängen die Haftung verlieren.Gleitschneelawine
Wie der Name schon sagt, „gleitet“ die Schneedecke bei einer Gleitschneelawine auf einem glatten Untergrund, zumeist Gras oder Felsen, talwärts. Diese Lawinen entstehen häufig, wenn im Spätherbst erster Schnee auf ungefrorenen Boden fällt und die isolierende Schneeschicht den Untergrund erwärmt. Dadurch kann sich zwischen Schnee und Erdboden ein dünner Wasserfilm bilden, auf dem die Schneedecke kontinuierlich abrutschen und bei zunehmendem Eigengewicht schlagartig ins Tal gleiten kann.Fließlawine
Nassschneelawinen (auch Fließlawinen genannt) entstehen durch die Durchfeuchtung und Destabilisierung der Schneedecke, etwa durch warmes Wetter, starke Sonneneinstrahlung oder Regen. Durch das Einsickern von Wasser verliert das Gefüge der Schneekristalle dabei unter den richtigen Bedingungen seine Bindung, sodass schwere, feuchte Schneemassen spontan abgleiten. Diese Lawinenart tritt gerade im Frühjahr und nachmittags an sonnenexponierten Hängen auf.Auslöser von Lawinen: Naturkräfte und Außeneinflüsse
Lawinen werden durch ein komplexes Zusammenspiel aus meteorologischen Umweltbedingungen und externen mechanischen Belastungen verursacht. Dabei lassen sich die Auslöser für Lawinen immer zwei Kategorien zuordnen:
- Natürliche Einflüsse: viel Neuschnee, starke Winde und Triebschneeverwehungen, rasche Erwärmung und Geländeneigungen von über 30 Grad.
- Externe Zusatzbelastungen: rund 90 Prozent aller Lawinen werden durch Freerider, Skitourengeher oder Tiere direkt ausgelöst.
Beim Befahren von ungesicherten Hängen reicht oft ein einziger dynamischer Schwung aus, um die darunterliegende, schwache Schneeschicht kollabieren zu lassen und so ein Schneebrett loszutreten.
Prävention und Tourenplanung: Der Lawinenlagebericht
Der offizielle Lawinenlagebericht ist ein unverzichtbares Instrument bei der Planung jeder Tour abseits der Pisten, das fundierte Informationen über den Aufbau der Schneedecke, deren Stabilität und die Gefahrenzonen liefert.
| Gefahrenstufe | Schneedeckenstabilität | Lawinen-Auslösewahrscheinlichkeit |
|---|---|---|
| sehr groß/rot | Die Schneedecke ist allgemein schwach verfestigt und weitgehend instabil. | Spontan sind viele sehr große, mehrfach auch extrem große Lawinen zu erwarten, auch in mäßig steilem Gelände. |
| groß/rot | Die Schneedecke ist an den meisten Steilhängen schwach verfestigt. | Lawinenauslösung ist bereits bei geringer Zusatzbelastung an zahlreichen Steilhängen wahrscheinlich. Fallweise sind spontan viele große, mehrfach auch sehr große Lawinen zu erwarten. |
| erheblich/orange | Die Schneedecke ist an vielen Steilhängen nur mäßig bis schwach verfestigt | Lawinenauslösung ist bereits bei geringer Zusatzbelastung vor allem an den angegebenen Steilhängen möglich. Fallweise sind spontan einige große, vereinzelt aber auch sehr große Lawinen möglich. |
| mäßig/gelb | Die Schneedecke ist an einigen Steilhängen nur mäßig verfestigt, ansonsten allgemein gut verfestigt. | Lawinenauslösung ist insbesondere bei großer Zusatzbelastung, vor allem an den angegebenen Steilhängen möglich. Sehr große spontane Lawinen sind nicht zu erwarten. |
| gering/grün | Die Schneedecke ist allgemein gut verfestigt und stabil. | Lawinenauslösung ist allgemein nur bei großer Zusatzbelastung an vereinzelten Stellen im extremen Steilgelände möglich. Spontan sind nur kleine und mittlere Lawinen möglich. |
Die essenzielle Lawinen-Notfallausrüstung für das Freeriden
Eine vollständige Lawinen-Notfallausrüstung ist in Sachen unverzichtbar bei der Sicherheit für jeden Aufenthalt in einem ungesicherten Skiraum. Denn im Ernstfall ermöglicht sie eine schnelle Rettung. Neben der passenden Skiausrüstung muss das Sicherheitsequipment folgende Gegenstände inkludieren:
- LVS-Gerät (Lawinenverschüttetensuchgerät): Hierbei handelt es sich um ein digitales 3-Antennen-Gerät zur schnellen Signal- und Distanzortung, das am Körper getragen wird.
- Lawinensonde: Diese stabile Sonde aus Aluminium oder Carbon ist zwischen 2,4 m und 3 m lang und ermöglicht eine punktgenaue Tiefenmessung.
- Lawinenschaufel: Eine bruchfeste Metallschaufel mit ergonomischem Stiel macht es möglich, kompakten Lawinenschnee auszubuddeln.
- Lawinenairbag-Rucksack: Das aufblasbare Kissensystem erhöht das Volumen eines Lawinenopfers und verhindert so das Versinken in den Schneemassen.
Zur erweiterten Sicherheitsausstattung zählen auch ein GPS-Tracker, ein aufgeladenes Smartphone mit Notfall-Apps, ein Erste-Hilfe-Set, ein Biwaksack sowie passive Reflektoren. Außerdem sollte vor dem Start ins freie Gelände stets ein standardisierter LVS-Gruppencheck durchgeführt werden, mit dem sich die Sende- und Empfangsfunktionen aller Geräte überprüfen lassen.
Risikofaktoren und Überlebenschancen bei Verschüttung
Bei einer Lawinenverschüttung sind die ersten 15 Minuten entscheidend für den Erfolg einer Rettung, denn in diesem Zeitfenster liegt die statistische Überlebenswahrscheinlichkeit eines Lawinenopfers bei über 90 Prozent.
Die medizinischen Gefahrenphasen gliedern sich zeitlich wie folgt:
- Überlebensphase (Lawinenabgang bis 15 Minuten): Die Überlebensrate ist mit über 90 Prozent sehr hoch, sofern keine tödlichen Verletzungen vorliegen und die Atemwege frei bleiben.
- Erstickungsphase (15 bis 35 Minuten): Die Überlebenskurve fällt steil auf rund 30 Prozent ab, da es durch die blockierten Atemwege rasch zu einem Sauerstoffmangel kommt.
- Latenzphase (ab 35 Minuten): Für das Überleben sind hier nur noch eine vorhandene Atemhöhle und der Schutz vor fortschreitender Unterkühlung entscheidend.
Bei der Bergung stark unterkühlter Personen muss jede unbedachte Bewegung vermieden werden, um den sogenannten Bergungstod zu verhindern. Dieser tritt ein, wenn plötzlich kaltes Blut aus den Extremitäten in das warme Körperzentrum strömt und dadurch lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen ausgelöst werden.
Richtiges Verhalten beim Abgang einer Lawine
Im Moment eines Lawinenabgangs ist schnelles und überlegtes Handeln für Menschen, die von den Schneemassen erfasst werden, entscheidend, um an der Schneeoberfläche zu bleiben und sich einen lebenswichtigen Atemraum zu sichern.
Vor und während des Abgangs
Wird ein Lawinenabgang bemerkt, müssen Wintersportler mit hoher Geschwindigkeit schräg aus der Falllinie herausfahren, um dem Fließbereich der Schneemassen seitlich zu entkommen.
- Fluchtversuch: Skifahrer und Snowboarder sollten, wenn sie können, schräg zur Hangrichtung aus der Rutschbahn herausfahren.
- Airbag auslösen: Skifahrer und Snowboarder sollten unverzüglich den Auslösegriff des Lawinenairbags ziehen.
- Ausrüstung lösen: Um verletzende Hebelwirkungen im Schnee zu vermeiden, sollten Skistöcke weggeworfen und die Bindungen von Skiern oder Snowboards geöffnet werden.
- Dynamische Bewegungen: Um an der Oberfläche zu bleiben, müssen Schwimmbewegungen durchgeführt werden.
Beim Stillstand der Lawine
Kurz bevor die Schneemassen endgültig zum Stillstand kommen, nehmen Betroffene eine kompakte Kauerstellung ein und formen mit beiden Händen eine stabile Atemhöhle vor Mund und Nase.Kameradenrettung: Ablauf der Notfallbergung nach einem Lawinenunglück
Die Rettung von Verschütteten durch Begleiter vor Ort ist die effektivste Maßnahme, da professionelle Bergrettungskräfte die Unfallstelle selten innerhalb des kritischen 15-minütigen Zeitfensters erreichen.
1) Lage erfassen und Notruf absetzen
2) Signalsuche und Ortung
Alle Suchenden schalten ihre LVS-Geräte auf Empfang. Nach dem Erfassen des Erstsignals wird mithilfe der Grobsuche entlang der Feldlinien die Stelle mit dem stärksten Signal ermittelt. Bei der Feinsuche nahe der Schneeoberfläche wird dann der geringste Distanzwert ermittelt, bevor anschließend mit der Lawinensonde im 90-Grad-Winkel zum Hang nach einem „Treffer“ getastet wird.3) Systematisches Freischaufeln
Das Ausgraben erfolgt hangabwärts der Sonde in einem organisierten, v-förmigen System. Dabei schaufeln die Retter den Schnee seitlich und nach hinten weg, um die Atemwege der Person so schnell wie möglich freizulegen.4) Erstversorgung und Wärmeschutz
Nachdem Mund und Nase von Schnee befreit wurden, werden Atmung und Kreislauf kontrolliert. Anschließend erfolgen Erste-Hilfe-Maßnahmen, das Isolieren gegen Bodenkälte mit Rettungsdecken sowie die Vorbereitung für den Abtransport. Wie die Bergwacht nach einem Lawinenabgang vorgeht und was ihre Mitarbeiter dabei zu beachten haben, erklären die Bergretter in diesem Video:Bitte beachten Sie zudem, dass durch die Nutzung unserer Dienste und der Einbindung der YouTube API Services die YouTube Terms of Service sowie die YouTube API Services Terms gelten und Ihre Nutzung unserer Website als Zustimmung zu diesen Bedingungen betrachtet wird.
Alpine Unfallstatistiken und Sicherheitskultur
Statistische Erhebungen von Alpinexperten belegen, dass mehr als 90 Prozent aller tödlichen Lawinenunfälle im ungesicherten Gelände von den Wintersportlern selbst ausgelöst werden, während geöffnete und präparierte Pisten dagegen umfassenden Schutz bieten.
Die langjährigen Erhebungen des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung SLF, des Österreichischen Kuratoriums für Alpine Sicherheit (ÖKAS) und der Bergrettungsdienste ergeben für den Alpenraum folgende Verteilungswerte:
- Schweiz (SLF): Der 20-Jahres-Mittelwert in der Schweiz liegt bei rund 19 bis 21 Lawinentoten pro Jahr. Über 90 Prozent der Vorfälle ereignen sich im freien Gelände bei Skitouren und Variantenabfahrten.
- Österreich (ÖKAS/Alpinpolizei): Im Durchschnitt gibt es in Österreich pro Jahr 18 bis 20 Todesopfer durch Lawinenabgänge, die fast ausnahmslos im unkontrollierten Skiraum passieren.
- Frankreich (ANENA): Die Zahl der Lawinentoten liegt in Frankreich im Durchschnitt bei 25 bis 30 pro Jahr im gesamten Hochgebirgsraum.
- Deutschland (DAV/Bergwacht): Im Durchschnitt gibt es in Deutschland pro Saison ein bis zwei Lawinentote, was rund zwei Prozent aller tödlichen Bergunfälle in den bayerischen Alpen entspricht.
- Pistenareale: Fast kein tödlicher Lawinenunfall hat sich auf behördlich freigegebenen und geöffneten Skipisten ereignet.
Die markierten und geöffneten Pisten in Skigebieten werden von den örtlichen Bergbahnen kontinuierlich überwacht und bei Bedarf durch gezielte Lawinensprengungen gesichert. Dabei signalisieren gelb-schwarze Absperrbänder und Warnleuchten dort akute Gefahren und müssen unbedingt respektiert werden.
SnowTrex-Tipp: Freeride-Anfänger profitieren von Lawinensicherheitskursen, die von Bergführerschulen in zahlreichen Alpendestinationen angeboten werden.