Neuer Skilehrplan sorgt für Fahrstil-Debatte

16. März 2016 - Katharina Teudt

Der Österreichische Skischulverband hat seinen Lehrplan für SkilehrerInnen überarbeitet und in einem neuen Lehrbuch veröffentlicht. Darin ist unter anderem von vereinfachten Basics für Fahranfänger die Rede – was einige als ganz neuen Fahrstil interpretieren.

Carving ist ein sehr sportlicher Abfahrtsstil.© IM photo – shutterstock.de

Nach 15 Jahren hat der Österreichische Skischulverband (ÖSSV) seinen Skilehrplan überabeitet. Heraus kam das 526 Seiten starke Werk „Snowsport Austria – Die Österreichische Skischule, Kompetenz im Schneesport. Vom Einstieg zur Perfektion in vier Stufen“. Darin beleuchten die Fachautoren um ÖSSV-Präsident Richard Walter die Kompetenz im Schneesport von verschiedenen Seiten. Der neue Lehrplan dieser „Leitlinie für die Unterrichtspraxis“ soll in spätestens zwei Jahren verpflichtend umgesetzt werden. Auch ein Kapitel zum „Ski Alpin“ ist darin enthalten. Dessen Autor ist Rudi Lapper, Ausbildungsleiter der staatlichen Skilehrerausbildung in Österreich. Der erfahrene Skilehrer und Ausbilder schreibt unter anderem von einem natürlichen Skischwung und erwähnt den sogenannten Schönskilauf – einen eher behelfsmäßigen Begriff, der aus dem vorherigen Werk von 2001 übernommen wurde. Eine Skischule im Pitztal rief daraufhin den Skikurs „Natürlich Skifahren“ ins Leben. In Online-Medien ist sogar von einem gänzlich neuen Fahrstil zu lesen, der künftig gelehrt werde. Vergesst Carving, ab jetzt geht es um natürliches Skifahren mit Style, so die Kernaussage. Eine, die das nicht so stehen lassen konnte, ist Nicola Werdenigg. Als erfahrene Skilehrerin, Autorin und ehemalige Skirennläuferin analysierte sie das Snowsport-Austria-Werk eingehend und klärte in ihrem Online-Magazin Kunstpiste über das Missverständnis auf. Dies beruht unter anderem auf der unterschiedlichen Auslegung des Carving-Begriffs.

Was ist eigentlich Carving?

Zunächst einmal muss man verstehen, was Carving überhaupt bedeutet. Carving (dt. Schneiden) heißt, geschnittene Kurven zu fahren. Wintersportler benutzen das Wort „Carven“ gerne als Synonym für Skifahren. Doch nur wenige können tatsächlich ordentlich Carven. Es gibt den weit verbreiteten Glauben, dass auch über die Kante gerutschte Schwünge klassische Carving-Schwünge wären. Doch Carving ist nur eine von mehreren Fahrvarianten, das betont auch Nicola Werdenigg. Beim Carving entsteht eine unverkennbare Spur im Schnee: die parallel gesteuerten, meist etwas breiter gestellten Ski hinterlassen saubere Einschnitte, die durch den starken Druck auf die Kanten entstehen. Alles andere ist das übliche Schwingen und seitliche Driften. Das Gros der mittelprächtigen bis geübten Fahrer bewegt sich so auf Skiern fort. Die meisten lernen nie richtig Carven. Spätestens zu Beginn der 2000er Jahre kam das Carving so richtig in Mode. Nahezu alle Skihersteller hatten auf die neuen Carving-Skier umgestellt und der Kunst des Skifahrens eine neue Fahrstil-Ära aufgezwängt. So wurde das Schneiden auf der Kante mit großem Augenmerk auch in den damaligen Skilehrplan aufgenommen, der 2001 erschien. Man lernte es in den Skischulkursen von Beginn an. Das ist nun nicht mehr so. Heute kennt auch das Snowsport-Austria-Lehrbuch die Carving-Definition in Abgrenzung zum normalen Einsteigerschwung.

Carving im Lehrplan

In einem Basiskurs für Kinder und Skischüler wird der Carving-Schwung auf der Kante nicht mehr gelehrt. Doch das impliziert nicht, dass es aus dem Lehrwerk gestrichen oder gar durch eine andere Fahrweise ersetzt wird. Das Carving wurde lediglich aus der Grundstufe des vierstufigen Modells (grün-blau-rot-schwarz) verbannt. Rudi Lapper widmet sich dem Carving erst in Stufe 4 seines Lehrplans. Kein Wunder, das dadurch die Annahme begünstigt wird, dass das Carving nicht im Fokus des modernen Skiunterrichts stehe. Zudem komme es im Lehrbuch viel zu kurz, kritisiert auch Werdenigg. Es ist eine besondere Technik, die zu beherrschen eine Kunst ist und die im Übrigen vielerlei Facetten aufweist. Wer diese beherrscht, kann sich wahrhaftig als Skiprofi bezeichnen. Fest steht: Das Carving dient nicht mehr als alleinige Basis einer soliden Technik, sondern ist deren perfekte Ausformung in einem gehobenen Abfahrtstils. Und als solche auch weiterhin Bestandteil des Skilehrplans.

Natürliches Lernen

Rudi Lapper möchte bei den Fahrschülern eine unverkrampfte, natürlich Körperhaltung und somit einen kraftsparenden Schwung erreichen. Das natürliche Fahren und Gleiten steht im Fokus. Werdenigg erklärt dazu: „Vermeiden will man in Zukunft – in der sogenannten Grundstufe – den Fokus auf den geschnittenen Schwung.“ Dagegen sollen die richtige Skibelastung und die Körperhaltung in Grundzügen und auf ganz natürliche Weise erlernt werden. Feinheiten wie das geschnittene Kurvenfahren sollen erst später dazu kommen. „Selbstverständlich bleibt die auf der Kante gezogene Kurve das Ziel der Pistenperfektion“, betont die Skilehrerin. Das Carving ist also keineswegs überholt.

Schönskilauf immer wichtiger

Das natürliche Skifahren wurde in den Medien als Ablösung des Carvings interpretiert. Doch es ist eher die Vorstufe, um Fahranfänger auf die technischen Feinheiten des niveauvollen Skifahrens vorzubereiten. Damit einher geht das Phänomen des Schönskilaufs. Die immer wieder aufgegriffene These: Durch den herrschenden Selfie-Wahn hegen Wintersportler den Wunsch, auch auf der Piste eine gute Figur zu machen. Das klingt plausibel und ist ein guter Nährboden für Skikurse, die eine „neue Ästhetik des Skifahrens“ versprechen. Das Wort Schönskilauf kommt tatsächlich im Lehrplan vor, allerdings nicht als maßgebliches Unterrichtsziel. Der Schönskilauf sei nur ein Aspekt unter vielen, sagt Rudi Lapper. Das liegt nahe, denn wer ordentlich fährt, sieht automatisch gut – weil professionell – aus. Die natürliche Körperhaltung genau wie das professionelle Aufkanten sind eben nur Teil-Aspekte des Gesamtkonzepts. Letztendlich ist es aber nicht das alleinige Ziel einer Skitechnik, beim Fahren besonders elegant auszusehen.

Fazit

Der Wirbel um den neuen Fahrstil scheint nicht gänzlich aus der Luft gegriffen, doch es sollte nichts überinterpretiert werden. Gelehrt wird künftig ein „natürliches“ Skifahren, zu dem nach wie vor das Carving als sportliche Variante gehört.

Weitere Infos: Snowsport Austria kunstpiste.com

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