Serie: Faszination Freeski – Interview mit Florian Hinterlang

2. Dezember 2014 - Katharina Teudt

Das Gefühl, sich waghalsig einen Tiefschnee-Steilhang hinabzustürzen, ist einfach unbeschreiblich. Profi-Freerider Florian Hinterlang aus dem deutschen Salomon-Freeski-Team versucht trotzdem, uns seine Leidenschaft für den Extremsport zu erklären.

Florian im Sponsoren-Outfit © Salomon/Florian Breitenberger

Für seine 24 Lenze hat Florian, den alle nur Flo nennen, schon einiges durchgemacht – im positiven Sinne. Der gebürtige Münchner steht seit nunmehr 21 Jahren auf den Brettern und hat schon eine angehende Skirennlauf-Karriere hinter sich. „Meine Eltern haben mich damals auf Ski gestellt, was mir von Anfang an, den Bildern und Videos nach zu urteilen, sehr gut gefallen hat“, erzählt er. Er stach schnell aus den anderen Skikindern heraus und den Eltern wurde klar, dass da ein Ski-Talent heran wächst. Flo schlug daraufhin eine Karriere als Nachwuchs-Skirennläufer ein, die jedoch nicht lange währte. „Bis ca. 14 Jahren war ich im Rennanzug unterwegs und fuhr im rot-blauen Stangenwald umher. Jedoch wurde mir das mit der Zeit zu langweilig und ich fing mit Freunden an, Kicker zu bauen, von Klippen zu springen und eine Menge Spaß zu haben.“ Sein Schicksal war besiegelt. Flo kehrte dem Rennlauf den Rücken und war von da an immer öfter in Funparks und später im Gelände unterwegs.

Die Beweggründe für seinen Sinneswandel liegen auf der Hand: Freeriden bringt Spaß und Adrenalin pur. Wie der buchstäbliche Flo im Stroh hüpft er mittlerweile über Buckel, Schneewehen, springt über Steinplatten und Baumwipfel. Was das wohl für ein Gefühl sein muss, sich gleich einen Steilhang hinabzustürzen? „Besser als Sex“, schmunzelt Flo. „Besonders wenn man nach einer langen, anstrengenden Skitour gemeinsam mit seinen Freunden am Gipfel steht, gibt es nichts Vergleichbares. Wenn du da oben stehst und deine Skier anschnallst, haut dich das Adrenalin um. Die ersten Schwünge sind sehr befreiend und einfach unglaublich.“ Diese Leidenschaft teilt er mit vielen Freeskiern.

Doch mit seiner Erfahrung und Fitness als disziplinierter Rennskisportler bringt er auch die Voraussetzungen mit, die ihn zu Höherem befähigen. Warum also nicht mal bei den Profis anklopfen? Als sich die Chance auf einen Sponsor bot, fackelte er nicht lang. „Ich hatte zu der Zeit, als ich den Rennlauf beendete, das Glück, dass Salomon ein deutsches Freeski-Team aufbauen wollte. Ich bewarb mich mit Fotos und Contest-Ergebnissen bei Salomon.“ Dieses Engagement zahlte sich aus. Mittlerweile ist er seit 7 Jahren festes Mitglied im Salomon-Freeski-Team Germany.

Flo hat die Kamera immer mit dabei. © Salomon/Marco Schmidt

Längst wohnt der frischgebackene Bachelor-Absolvent in Garmisch-Partenkirchen, unweit der geliebten Berge, in die es ihn täglich zieht. Im Sommer auf dem Bike, im Winter auf den Skiern. „Seit ungefähr 3 Jahren bin ich nun fast nur noch im Backcountry bzw. in den Big-Mountains unterwegs und suche ständig nach neuen Lines.“

Sportliche Voraussetzung Man darf nicht vergessen, dass ein Freeskier eine große Portion Grundfitness mitbringen und in regelmäßiges Training investieren muss, um das erforderliche sportliche Level zu halten. Flo schafft das mit aktivem Bergsport. „Ich habe nicht wie viele andere Freerider einen strukturierten Trainingsplan, den ich einhalten muss. Im Sommer hocke ich sehr oft auf meinem Downhill-Bike und fahre in Bikeparks. Für mich ist das die ideale Ergänzung zum Freeriden, da die Geschwindigkeit, Bewegungsabläufe und die Action sehr vergleichbar mit dem Skifahren sind. Immer öfter fahre ich auch mit meinem anderen Bike die Berge hoch, um meine Kondition für die Aufstiege im Winter zu trainieren. Bis jetzt reicht das perfekt für meine Wintersaison.“ So ganz ohne Zusatz-Sport geht es also nicht.

Anfänger aufgepasst! Doch die richtige Fitness ist nicht alles beim Geländefahren. Flo empfiehlt Freeski-Anfängern in jedem Fall einen Freeride-Guide, der ihm die essentiellen Grundlagen (Technik, Verhalten im Gelände etc.) Schritt für Schritt beibringen kann. Dazu gehört natürlich auch ein ordentlicher Freeride-Ski, da die breiten Rockerski das Fahren im Powder deutlich vereinfachen. Flo selbst fährt mit den Skiern seines Sponsors Salomon, den „Rocker²“ mit einer Mittelbreite von 122 bzw. 115 mm. Das sind schon richtig breite Latten. Dazu ist das Skischuh-Modell „Ghost 130“ mit einem 130er Flex sein treuer Begleiter. Mit normalen Pistenski hingegen sollte man es gar nicht erst versuchen. „Das führt nur zu frustrierende Erfahrungen“, weiß Flo. Unser Salomon-Rider kann sich auch noch sehr gut an seine Anfangszeit im Gelände erinnern: „Für mich war es am Anfang schwer, die richtigen Lines zu finden. Man hat ja im Gelände keine vorgegebenen Pisten. Du musst dir deine Line, die du später fahren willst, zuvor genau anschauen. Am besten geht das mit einem Fernglas oder einer Kamera mit Zoom-Objektiv.“ Das Freeski-Erlebnis bedarf also einer gründlichen Vorbereitung. Kein erfahrener Rider stürzt sich einfach so die Hänge runter. Das betont auch Flo: „Beim Freeriden gibt es eine Menge zu beachten! Du kannst nicht einfach, nur weil es frisch geschneit hat, blauäugig ins Gelände verschwinden und deinen Spaß haben. Man wird von „normalen“ Skifahrern oft gefragt, ob man denn nicht lebensmüde sei, sich solche Hänge runter zu stürzen. Nein, denn wir stecken viel Zeit in die Planung einer Line. Man merkt sich jeden Geländewechsel, jede Klippe und Wechte, um das allgemeine Risiko zu verringern und flüssig fahren zu können. Als Anfänger sollte man sich die Zeit nehmen, um sich fahrbare Lines in einem steilen Hang vorzustellen. Das ist Erfahrungssache, besonders um die Höhen von Klippen einschätzen zu können. Auch sollte man alles stets unter Kontrolle behalten und die Geschwindigkeit seinem Fahrkönnen und der jeweiligen Situation anpassen. Ich kann im Wald beispielsweise nicht so schnell fahren wie in einem freien Hang. Selbstverständlich sollte man auch nie ohne Helm und Rückenprotektor zum Freeriden gehen und auch das Wissen über alpine Gefahren ist unerlässlich.“

Akrobatik gehört zum festen Repertoir © Salomon/Florian Breitenberger

Pflicht-Gepäck Die Vorkehrungen reichen also vom Geländecheck bis zum speziellen Gepäck: „Lawinenpiepser (LVS), Schaufel, Sonde und Erste-Hilfe-Paket gehören in jeden Rucksack“, mahnt Flo. „Es gibt verschiedene Theorie- und Praxislehrgänge, die man besuchen sollte, um sein Wissen über Lawinen aufzufrischen. Es nützt nichts, ein LVS zu tragen, dieses aber nicht bedienen zu können. Man kann es nicht oft genug trainieren, mit dem Suchgerät eine Verschüttung zu simulieren.“ Wetterbericht und Lawinenlagebericht lesen gehört also zum täglichen Brot eines jeden Freeskiers und so hängt auch Flo vor jeder Tour am Bildschirm und checkt den Wetterbericht. „Das klingt jetzt alles erst mal sehr aufwendig und schwierig, sollte aber auf keinen Fall vernachlässigt werden“, betont er.

Flos liebste Spots Das stetige Arbeiten an der eigenen Kondition und Fitness sind wichtig für einen guten Freerider, dazu gehört aber natürlich auch das regelmäßige Skifahren. Für Flo geht es, wenn es die Schneelage zulässt, zum Beispiel nach Leermoos. „Da lässt es sich bei Neuschnee schon sehr gut aushalten. Wenn bei uns der Schnee nicht optimal ist, wie in der vergangenen Saison, muss man natürlich schon mal längere Fahrten in Kauf nehmen. Mit den Salomon-Jungs sind wir schon öfter im schweizerischen Chandolin im Wallis unterwegs gewesen. Ein unvergleichliches Terrain mit leichtem Zugang und ohne die Menschenmassen, wie in so manch anderen Freeride-Destinationen.“ Bei all der Leidenschaft um die perfekte Line werden bei einem Extremsport wie dem Freeskiing auch die besten Rider immer mal auf den schmerzhaften Boden der Tatsachen geholt. Auch Flo ist da nicht verschont geblieben. „Verletzungen bleiben natürlich nicht aus. Wenn man Protektoren benutzt und sein Hirn einschaltet, kann man sie zumindest verringern. Ich selbst habe mir vor ein paar Jahren die Schulter ausgekugelt und dabei die Schulterpfanne gebrochen. War aber halb so schlimm. Kleinere Blessuren wie blaue Flecken, Schürfungen, Stauchungen usw. sind jedoch nicht zu verhindern.“

Filmprojekte und Wettkämpfe Für einen Profi wie Flo dreht sich so gut wie alles um den Schnee. Entsprechend hat er mit seinem Sponsor schon die nächsten Projekte im Fokus. „Wir werden unsere Webisoden, die auf der Facebook-Seite von Salomon-Freeski geteilt werden, weiterführen. Zudem planen wir gerade ein hochalpines Fotoshooting mit Winter-Camping im Zelt und Skitouren etc. Hoffentlich werde ich auch wieder viel mit der Freeski-Crew zum Filmen kommen.“ Oh ja, auch in Skifilmen ist Flo präsent. Letzte Saison war die Freeski-Crew aus Innsbruck für 3,5 Wochen im indischen Kaschmir unterwegs. „Wir hatten eine unglaubliche Zeit, perfekte Schneebedingungen, eine gute Crew. Wir haben für den neuen Film „Tribute“ gefilmt, der schon jetzt auf verschiedenen Premieren gezeigt und zum Jahresende 2014 online verfügbar sein wird.“

Flo in Aktion © Salomon/Marco Schmidt

Neben all den Ski-Abenteuern ist auch der Wettkampfwille im Vollblutsportler lebendig. So fährt Flo auch nach wie vor gerne in offiziellen Wettbewerben. „Neben den ganzen Video- und Fotoshootings werde ich auch an dem einen oder anderen FWQ-Contest teilnehmen, das ist die Qualifikations-Serie für die Freeride-World-Tour. Mal sehen was die Saison so bringt.“

SnowTrex wünscht viel Erfolg!

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