Grüne Pisten? Kein Grund zum Ärgern – für Grasskifahrer!

20. Mai 2014 - Nina Vogt

© Deutscher Skiverband

Es gibt so viele Parallelen: die Schwungbewegungen, die Tore, die Disziplinen, Rennanzug, Schuhe und Stöcke. Und doch gibt es auch 2 große Unterschiede: den Untergrund und das Material. Grasskifahrer stürzen sich ebenso wagemutig die Berghänge hinunter wie Alpinskifahrer. Im Slalom, im Riesenslalom, im Super-G und in der Super-Kombination, nur nicht in der Abfahrt. Doch sie fahren eben nicht auf weißem Untergrund, sondern auf grünem, auf gleichmäßig gemähter Grasfläche. Ihre Saison dauert nicht von Oktober bis Mai, sondern von Ende April bis Ende September. Und die Latten, die sie unter die Füße schnallen, haben eben keine glatte Lauffläche, sondern sie sind aufgebaut wie ein Kettenfahrzeug, funktionieren mechanisch. Statt Wachs brauchen Sie Öl. Statt einem Kantenschliff eine gute Reinigung.

Aber wir wollen von vorn anfangen. Die Ursprünge des Grasskifahrens liegen nicht in der großen Wintersportnation Österreich, sondern in Deutschland. Entwickelt wurden die heute gängigen Grasskier 1960 von Josef Kaiser. Ihr eigentlicher Zweck als Sommertrainingsgerät für Wintersportler konnte sich jedoch nicht durchsetzen und so spezialisierten sich Athleten auf diese Sportart. 1971 fand erstmals ein Europacup im Grasski statt, 1976 dann Europameisterschaften. 1979 kamen alle 2 Jahre die Weltmeisterschaften (seit 1990 zusätzlich Junioren-Weltmeisterschaften) hinzu und der Europacup wurde schließlich 2000 durch den Weltcup abgelöst. Heute gibt es auch eine 5-teilige Rennserie, den Deutschlandpokal, die den deutschen Meisterschaften gleichkommt. 1976 erhielt der Grasski-Sport sogar ein eigenes Referat im Deutschen Skiverband (DSV), 1985 zog der Internationale Skiverband FIS nach.

Grasskifahrer fahren in herkömmlichen Skistiefeln

Grasskifahrer messen sich in denselben Disziplinen wie Alpinskifahrer – mit der Ausnahme der Abfahrt. Die Rennstrecken sind dabei etwas kürzer als es in den Alpinski-Wettbewerben der Fall ist. Die Ausstattung der Sportler ist ebenfalls dieselbe: Rennanzug, Helm, Protektoren, Handschuhe, Skistöcke, selbst die Skischuhe sind herkömmliche Stiefel wie sie auch Wintersportler tragen. Allein die Skier weisen große Unterschiede auf. Ein Grasski misst im Rennbereich nur 80 bis 95 cm. Er besteht aus einer Laufschiene, über die mit Hilfe von Rollelementen der Belag läuft. Eben ganz ähnlich wie bei einem Kettenfahrzeug, nur in Miniaturausgabe. Vorn und hinten sind die Skier etwas nach oben gebogen. Die Bügelbindung auf dem Grasski ähnelt der Konstruktion, wie man sie von Big-Foot-Skiern kennt. Auf diesen Konstruktionen bringen es Grasskifahrer bei ihren Abfahrten auf bis zu 90 oder 100 km/h.

Die Bewegungsabläufe sind dabei ähnlich wie die der Wintersportler. Gesteuert wird durch Auf- und Umkanten, eine große Rolle spielen dabei Knie- und Hüftbewegungen. Und doch ist etwas anders: Denn natürlich gibt es auf Grasskiern keine Gleitphasen im Schwungverlauf wie sie auf den glatten Alpinskiern möglich sind. Wer das Grasskifahren erlernt, kann nicht auf den Pflugbogen setzen. Und auch das Bremsen geht nicht so einfach von der Hand wie im Schnee. Abruptes Bremsen ist gar unmöglich. Die Sportler stoppen nicht mit den Kanten, sondern sie fahren einen großen Bogen, nutzen einen Gegenhang oder lassen die Ski im Flachen auslaufen.

Last but not least wäre ein letzter Unterschied zu nennen: Denn das Grasskifahren hat längst noch nicht das Standing in der Öffentlichkeit wie der Wintersport. Oft wird es leider noch immer als Randsportart abgetan. Der Grasskisport wird fast ausschließlich als Wettkampfsport ausgeübt, nicht als Freizeitsport mit touristischer Bedeutung. Und doch findet man mittlerweile in manchem Skigebiet im Sommer Angebote für Wagemutige, die sich auf diesen Skiern der besonderen Art probieren wollen. So gehört Kaprun zu den ersten Orten im Salzburger Land, die im Sommer am Maiskogel eine Grasskipiste anbieten – inklusive Shuttle-Service für die Auffahrt und Grasskilehrer. In Aschau im Zillertal steht den Sportlern im Grasski- und Mountainboardpark sogar ein 150 m langer Lift zur Verfügung. In Rettenbach gehören Familien-Schnupperkurse auf einer 500 m langen Grasskipiste zum Angebot.

FIS- und Weltcup-Rennen unter anderem in Kaprun und Rettenbach

Und auch ein Trend aus dem Wintersport ist übrigens zu den Grasskisportlern hinübergeschwappt: Denn nicht nur im Winter sind die Skifahrer mit dem Kite-Drachen unterwegs. Auf Grasskiern ist das ebenfalls möglich.

Wer Grasski-Wettkämpfe einmal live erleben möchte, der hat dazu in dieser Saison bei den FIS- und Weltcup-Rennen die Chance. Nach der WM 2013 in Japan findet diese erst wieder 2015 statt. Weltcup-Rennen finden aber zum Beispiel am 28./29. Juni in Marbachegg statt, am 19./20. Juli in Kaprun und am 23./24. August in Rettenbach. Auf dem Programm der Grasskisportler stehen außerdem exotischere Stationen – zum Beispiel in Faqra im Libanon oder in Dizin im Iran.

Neugierig geworden? Hier gibt es ein Video von der Junioren-WM 2012.

Produziert hat es Michael Bernshausen mit seiner Firma midiafilm. Er war selbst 15 Jahre lang Grasskifahrer und dreht heute nicht nur Grasski-Videos, sondern vor allem auch Skifilme mit Top-Freeridern wie Roman Rohrmoser, Felix Wiemers und Sebastian Hannemann.

Wir haben ihm einige Fragen zum Grasskifahren gestellt. Hier finden Sie das Interview mit ihm.

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