Fahrtechnik – Teil 4: So fahre ich im Tiefschnee

19. Juli 2016 - Katharina Teudt

Zum Skifahren gehört eine ganze Menge Fahrtechnik und Taktik. SnowTrex hat zu diesem vielschichtigen Thema mit Max Holzmann, Ausbildungsleiter des Deutschen Skilehrer Verbandes (DSLV), gesprochen. Im letzten Teil unserer Serie gibt der Staatlich geprüfte Skilehrer wertvolle Experten-Tipps zum sicheren Fahren im Off-piste-Bereich.

Im Grunde ist Tiefschneefahren kinderleicht. Man muss nur die richtige Technik anwenden. © Deutscher Skilehrerverband e.V

Das Off-piste-fahren ist ein anhaltender Trend bei Wintersportlern. Neue Wege abseits der Pisten suchen, die eigene Line durch den jungfräulichen Pulverschnee ziehen und dabei das Gefühl haben zu fliegen – dieses Erlebnis steht auf einer ganz eigenen Genussstufe. Unser Skiexperte Max Holzmann gerät bei diesem Thema richtig ins Schwärmen: „Es ist tatsächlich so, dass Tiefschneefahren mit das entspannteste Fahren ermöglicht. Deswegen macht es auch so viel Spaß. Der Fahrspaß steigert sich von Schwung zu Schwung.“ Doch um den vollendeten Genuss zu erleben, bedarf es einer guten Fahrtechnik und vor allem eines gesunden Respekts vor dem Gelände. Bevor es losgeht, muss sich jeder Tiefschneefanatiker zunächst die Risiken am Berg bewusst machen und sich entsprechend vorbereiten.

Gefahren richtig einschätzen

Im 1. Teil unserer Serie sprachen wir von den subjektiven und objektiven Gefahren für den Skifahrer. Im Gelände werden diese Aspekte wieder besonders wichtig, weiß Holzmann: „Im Off-piste-Bereich spielen die objektiven Gefahren eine besonders wichtige Rolle. Hier bildet die größtmögliche objektive Gefahr eine Lawine. Sie kann allerdings auch durch einen Skifahrer ausgelöst werden, daher ist im Gelände doppelte Vorsicht geboten.“ Tagesaktuelle Lawinenberichte helfen bei der Einschätzung der Gefahr. Sie sind über die Websites der Skigebietsbetreiber und via Lawinen-Apps abrufbar, aber auch vor Ort wird häufig auf Infotafeln und mit Warnsignalen die Lawinenstufe angezeigt. Letztlich muss jeder Hang separat beurteilt werden.

Skiräume erkennen

Ganz wichtig ist die Unterscheidung in zwei Areale: gesicherter und ungesicherter Skiraum. „Gesicherter Skiraum ist immer vom Skigebietsbetreiber beschrieben, markiert und als sicher gekennzeichnet. Aufgrund der hohen Beliebtheit des Off-piste-Fahrens gibt es auch gesichertes Gelände. Das sind dann unpräparierte Pisten, die Geländefahren ermöglichen – aber es ist immer noch gesicherter Skiraum. Es besteht dort nur eine geringe Lawinengefahr.“ Die Bergrettung ist immer aktiv und im gesicherten Skiraum sofort einsatzbereit. Im ungesicherten Skiraum hingegen ist das Erreichen und Bergen am Unfallort erschwert.

Viele wagen ihre erste Powder-Fahrt im unpräparierten Schnee direkt neben der Piste. © Merkushev Vasiliy – shutterstock.de

Skirouten und Varianten

Man sollte den Pistenplan immer genau lesen und auf die Markierungen achten. „Skirouten oder Varianten liegen nicht unbedingt im gesicherten Skiraum. Sobald aber eine Skiroute auf dem Pistenplan eingezeichnet und als Abfahrt gekennzeichnet ist, kann man davon ausgehen, dass dort auch die Bergrettung kontrolliert und aktiv ist. Eine gestrichelte Linie entspricht einer ungesicherten Skiroute, bei einer durchgezogenen Linie mit schwarzer Markierung (ggf. mit Nummer), kann man davon ausgehen, dass sie im gesicherten Skiraum liegt und nur nicht präpariert ist.“

Verhalten im Tiefschnee

Freier Skiraum ist ungesichertes Gelände, man bewegt sich auf eigene Gefahr und selbstverantwortlich. Hier gilt die Regel: Unbedingt alle Punkte des Risikomanagements beachten. „Bevor es losgeht, muss immer erst die Lawinengefahr eingeschätzt werden und die entsprechende Ausrüstung gepackt werden. Sobald wir als Skilehrer die Piste und den präparierten Skiraum verlassen, haben wir immer die Notfallausrüstung dabei. Ja, es heißt Notfallausrüstung. Für die Sensibilisierung mache ich immer die Begrifflichkeiten deutlich: Es handelt sich nicht um eine Sicherheitsausrüstung, sondern um eine Notfallausrüstung. Sicherheit geht nur vom Einschätzen der Situation aus, nicht von der Ausrüstung!“ Pflicht bei der Basis-Ausrüstung sind ein LVS-Gerät, eine Sonde und eine Schaufel.

Garantenverantwortung

Zum Sicherheitsaspekt hat Holzmann noch einen rechtlichen Hinweis: „Im freien, ungesicherten Skiraum kann sich ein unvorsichtiger Fahrer auch grob fahrlässig verhalten. Wenn man in der Gruppe fährt, ist derjenige mit der größten Erfahrung für die anderen mitverantwortlich, er steht in der sogenannten Garantenpflicht. Er kann befreundete Fahrer mitnehmen, ungeeignete Hänge befahren, Lawinen auslösen und damit sich und andere gefährden. Sobald man solch eine grobe Fahrlässigkeit nachweisen kann, steht der Garant auch voll in der Haftung.“

Basis-Elemente

Ist man sich den Risiken am Berg bewusst und hat das Gelände und den Lawinenbericht eingehend geprüft, kann es endlich losgehen. So einzigartig das Geländefahren auch ist, es gelten die gleichen Technikregeln wie beim normalen Pistenfahren, und zwar die Abstimmung der drei wichtigen Elemente: Spur – Tempo – Bewegung. Es gilt das Gleichgewicht zu halten, in der gewählten Spur zu bleiben und nicht über das kontrollierbare Tempo hinaus zu beschleunigen. Vor allem die Abstimmungen der Bewegungen zum Kurvenverlauf ist beim Tiefschneefahren das A und O.

Energische Skiführung und ausreichend Schwung lassen die Ski durch den Powder fliegen. © gorilla images – shutterstock.de

Technik-Tipps

Über die Kunst des Tiefschneefahrens wurden ganze Lehrbücher geschrieben. Klar, dass es nicht nur eine goldene Regel für das Fahren im Powder gibt. Doch einige wertvolle Techniktipps sollte man sich dann doch merken. Skilehrer Holzmann rät zu einer mittigen Position auf dem Ski in Abstimmung mit der Spuranlage: „Nicht zu große Winkel nehmen, sondern eher falllinienorientiert fahren. Mit einer gewissen Geschwindigkeit entsteht Fahrwucht, die beim Schwingen unterstützt. Auch hier gilt natürlich, dass das Fahren kontrollierbar bleiben muss. Wer das Timing beim Schwung beherrscht, wird im Tiefschnee die pure Freude erleben.“

Tiefschneefahren sollte nicht anstrengen, betont Holzmann. „Die Freude im Powder entsteht dadurch, dass man die richtigen Bewegungen zum richtigen Zeitpunkt ausführt. Entscheidend sind die Hoch-Tief-Bewegung bzw. Vor-Rück-Bewegungen im Kurvenverlauf. Zur Entlastung strecken, zum Steuern beugen, zur Entlastung wieder Strecken. Dazu kommt das klassische Ski-Drehen. Ständiges Wechseln von Spannung und Entspannung hilft der Muskulatur, sehr lange zu arbeiten. Mit dem richtigen Bewegungsablauf zum richtigen Zeitpunkt lässt sich kilometerweit Tiefschnee fahren.“

Breite Ski sind der Schlüssel

Eine wirksame Hilfe beim Tiefschneefahren ist außerdem die Ausrüstung. „Aktuelle Tiefschneeskier mit Mittelbreiten von 100 mm und mehr erleichtern das Skifahren immens. Wenn man dann noch aktive Bewegungen dazu schaltet, wird das Kurvenfahren im tiefen Schnee erleichtert.“ In Sachen Tiefschnee-meistern ist sich Holzmann sicher: „Die größte Wirksamkeit geht vom Material aus.“

Zusammenfassung

Vor jeder Off-piste-Fahrt ist das Gelände und der aktuelle Lawinenbericht genau zu überprüfen. Auch die richtige Notfallausrüstung muss jeder Geländefahrer dabei haben. Im Tiefschnee verhelfen breite Skier zu mehr Auftrieb und die Fahrwucht bei erhöhter Geschwindigkeit erleichtert das Kurven. Mit dem richtigen Timing beim Kurvendrehen und einer dynamischen Hoch-Tief-Bewegung ist kilometerlanges Powdern kein Problem.

DSLV-Ausbildungsleiter Max Holzmann © Deutscher Skilehrerverband e. V.

Unser Experte vom DSLV

Max Holzmann ist Staatlich geprüfter Skilehrer und Vorstand Ausbildung im deutschen Skilehrerverband (DSLV). In seinem Verantwortungsbereich liegen die Inhalte der Ausbildungslehrgänge, die jeweiligen Prüfungslevel und Schwierigkeitsgrade in allen Ausbildungsstufen vom Level 1 bis zur staatlich geprüften Skilehrerprüfung, in den Unterrichtsfächern Motorik, Methodik und Theorie.

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