Serie: Faszination Freeski – Trend Skitourengehen

25. November 2014 - Katharina Teudt

Aus eigener Kraft den Berg erklimmen, sich das Abfahrtserlebnis selbst verdienen und damit auch noch die Umwelt schonen, ist für viele Skifahrer das Größte. Das Skitouring boomt! Grund genug, sich näher mit dem Thema zu beschäftigen.

Tiefschneeaufstieg in Livigno © OORTOVOX/Hansi Heckmair

Aus dem traditionsreichen Skibergsteigen hat sich in den letzten Jahren der handfeste Trend des Skitourengehens entwickelt. Kaum ein Wintersport erfreut sich so rasant wachsender Beliebtheit. So steigen nicht nur die Tourer auf, sondern auch ihre Zahl. Im Deutschen Alpenvereins (DAV) waren in 2013 rund 280.000 Skibergsteiger gemeldet. Zählt man die Hobby-Pistengeher hinzu gibt es nach Schätzungen des DAV aktuell rund 400.000 Skitourengeher in Deutschland – Tendenz steigend. Das klassische Skibergsteigen spielt sich hauptsächlich im nicht gespurten Gelände ab, wo eine Schneise in den frischen Tiefschnee geschlagen und mit Spitzkehren und viel Kraft der Hang erklommen werden muss. Skitourer steigen aber auch mit dem Ziel auf, einen unberührten Hang abzufahren. Um dieses Ziel so schnell und einfach wie möglich zu erreichen, behelfen sich immer mehr Skifahrer mit der vereinfachten Form des Tourengehens. Sie steigen entlang der Piste auf, wo nach getaner Arbeit die präparierte Abfahrt lockt. Beide Varianten haben ihre Vor- und Nachteile.

 

Regeln für den Pistenaufstieg

Da der Geländegang viel Erfahrung bedarf, zieht es immer mehr Tourengeher in die Skigebiete. Der Weg an der Piste entlang ist leichter zu bewältigen, die Orientierung ist einfacher und für den Rückweg steht die präparierte Abfahrt zur Verfügung. Die Liftbetreiber erfreut das natürlich wenig, schließlich nutzen Skitourer die Piste, ohne dafür bezahlt zu haben. Daher müssen Pistengeher in einigen Gebieten bereits Gebühren für den Pistenaufstieg zahlen. In anderen Gebieten sind die Routen nur über einen Lift erreichbar. In jedem Fall sind auch die Pistenläufer „Verkehrsteilnehmer“ und müssen Verhaltensregeln beachten. Hierfür hat die FIS einen Katalog an Regeln erstellt, der festlegt, was sie dürfen und was nicht.

Mit Ski aufsteigen (hier mit Rahmenbindung) geht praktisch überall © Salomon

Zunächst einmal darf man nur am Pistenrand aufsteigen. Dabei sollen Gruppen hintereinander und nicht nebeneinander gehen. Außerdem muss der Skibetrieb stets im Auge behalten und auch berücksichtigt werden. Weiterhin dürfen keinesfalls gesperrte Pisten begangen werden. Hierfür sollten lokale Hinweise und Routenbeschilderungen befolgt werden. Besonders beliebt ist das Aufsteigen nach Liftschluss, wenn es bereits dämmert oder gänzlich dunkel ist. Dann ist es wichtig, dass sich jeder Läufer erkenntlich macht, mittels Stirnlampe und reflektierender Kleidung. Besondere Vorsicht ist auch bei Pistenarbeiten geboten, wenn die großen Schneeraupen die Piste mit Seilwinden präparieren. Dann sind die Pisten nicht nur für den Skibetrieb, sondern auch für den Aufstieg mit Tourenski gesperrt. Für After-Work-Sportler in alpennahen Regionen gibt es mittlerweile die Möglichkeiten des abendlichen Tourens, indem vielerorts die Bergbahnen zu bestimmten Terminen die Piste für die Stirnlampen-Gruppen freigeben.

 

Totale Freiheit beim Skitouring

Das Pistengehen wird von vielen „richtigen“ Skibergsteigern verpönt. Das Einzigartige am Tourengehen sei schließlich die Ruhe in der freien Natur, fernab jeglicher Pisten. Der Aufstieg im Gelände ist für sie die schönste Art, den Berg zu bezwingen, allerdings auch nicht ganz ungefährlich. Im ungesicherten Gelände ist die Lawinengefahr am größten und somit ist die Vorsicht das oberste Gebot. An abgelegenen Tiefschneehängen sollten sich nur erfahrene Freeskier versuchen. Die lebenswichtige Ausrüstung aus LVS-Gerät, Schaufel und Sonde muss auf jeder Geländetour mit dabei sein. Ein Rucksack mit Lawinenairbag kann im Zweifel Leben retten und ist ebenso wie ein Handy und ein Erste-Hilfe-Set sehr zu empfehlen. Lesetipp: In unserem Artikel zum Thema Freeriden sind wir auf das Thema Sicherheit im Gelände detailliert eingegangen.

 

Die richtige Ausrüstung

Es gibt zwei Typen von Skitourengehern: Die Aufstiegs- und die Abfahrtsorientierten. Entsprechend verhält es sich mit dem Skitourenequipment, das in beiden Fällen hohe Anforderungen erfüllen muss. Für ein angenehmes Aufsteigen sollten Ski und Bindung möglichst leicht konzipiert sein, für die sichere Abfahrt jedoch robust genug, um auf der Tiefschneeabfahrt zu bestehen. Das Gewicht spielt in allen Ausrüstungs-Segmenten eine Rolle, doch bei den Skiern ganz besonders. Der slowenische Hersteller Elan etwa hat sich schon mehrfach im Leichtbau versucht und mit dem Damenski Delight QT ein Modell konstruiert, das nur 1 kg pro Ski auf die Waage bringt.

Letzter Check vor der Abfahrt: Der Lawinenrucksack ist immer dabei © ORTOVOX/Hansi Heckmair

Allerdings ist dies ein Pistenski, der nicht für die Anforderungen im Gelände entwickelt wurde. Vorreiter im Touren-Bereich ist hingegen der österreichische Hersteller Dynafit, der sich auf den Leichtbau im Skitourenbereich spezialisiert hat. Die minimalistische Bauweise seiner Produkte geht mit dem Verarbeiten von leichtesten Materialien einher. Dank Bambus- oder Pawlownia-Holzkern und Carbon-Verstärkungen wiegen einige Modelle nur noch 1,2 kg pro Ski. Die Abfahrtseigenschaften entsprechen dabei weitestgehend denen eines stabilen Freeride-Skis. Nicht zu unterschätzen sind die Skistöcke. Sie sollten etwas länger sein als bei Alpinfahrern, damit die Schubkraft beim Aufstieg optimal genutzt wird. Ein guter Tourenskistock übernimmt einen großen Teil des Kraftaufwandes und erleichtert so den Aufstieg zusätzlich. Die breiteren Teller haften zudem besser im Tiefschnee und weiche, ergonomisch geformte Griffe entlasten beim Abdrücken die Handgelenke. Damit sie gleichzeitig auch gute Abfahrtsperformance leisten, sind längenverstellbare Teleskopstöcke aus Aluminium- oder Carbon für die Tourenausrüstung ideal.

 

Die Tourenbindung

Bei einer Ausrüstung, bei der jedes Gramm zählt, stellt die Bindung ein wesentliches Element dar. Hersteller wie Salomon oder Marker haben ihre Tourenbindungen auf die Abfahrtsperformance ausgelegt, sprich sie halten auch beim noch so harten Geländeritt fest und sind auf sehr hohe Z-Werte einstellbar. Der Z-Wert, der Auslösewert einer Skibindung, richtet sich nach Körpergröße und -gewicht sowie der Krafteinwirkung. Für erhöhte Abfahrtsperformance sind Bindungen ratsam, bei denen hohe Z-Werte einstellbar sind. Bei diesen Freeride-Bindungen ist allerdings der Rahmen am Schuh fixiert und muss bei jedem Schritt mit angehoben werden. Bei rund 2,5 kg ist das eine eher beschwerliche Aufgabe.

Die Radical St 2.0 mit Pintech © Dynafit

Wer den genussvollen Aufstieg einer rasanten Tiefschneeabfahrt vorzieht, kann ruhig eine leichtere Bindung wählen, auch wenn dann der Z-Wert niedriger ist. Die ultraleichten Modelle besitzen keine Rahmen mehr und wiegen je nach Moell gerade einmal um die 350 g, was für den Aufstieg sehr angenehm ist. Sie bestehen nur noch aus Vorder- und Hinterbacken mit der Pintech. Bei dieser Technologie wird der Skischuh nur von zwei Metallstiften, den Pins, gehalten. Die Ferse bewegt sich völlig frei und wird erst zur Abfahrt in die Hinterbacken eingerastet. Für diese speziellen Bindungen muss man jedoch geeignete Schuhe dazu kaufen.

 

Steigfelle und Tourenschuhe

Ein unumgängliches Zubehör sind die Skifelle. Diese Steighilfen sind sozusagen Spikes für die Skier, die das Abrutschen verhindern und das Aufsteigen erleichtern sollen. Sie bestehen meist aus Bergziege-Haar (Mohair) mit besseren Gleiteigenschaften oder einer weichen Synthetikfaser aus Polyamid für besseren Griff. Früher wurden die Skifelle aufgeklebt, heute sorgen bei einigen Herstellern neue Materialtechnologien dafür, dass sie durch eine spezielle Oberflächenstruktur am Ski haften. Tourenski besitzen eine Aussparung an der Skispitze, in denen das Skifell zusätzlich eingehakt wird.

Erste Amtshandlung: Skifell aufziehen © Dynafit/Garret Grove

Neben den Skiern und Fellen ist auch die Wahl der richtigen Boots wichtig. Diese dürfen nicht zu schwer daherkommen. Massige Komfortboots sind beim Aufsteigen fehl am Platz. Auch bei Schuhen gilt das Gebot des möglichst geringen Gewichts, jedoch immer unter der Prämisse der ausreichenden Stabilität für die Abfahrt. Die Beweglichkeit beim Aufstieg ist besonders wichtig, daher besitzen so gut wie alle Freeride-Schuhe einen integrierten Ski-Walk-Mechanismus. Manche Modelle können mit einem zusätzlichen Hebel den Schaft im geschlossenen Zustand lockern und sogar rotieren. Eine ausreichende Beweglichkeit und ein variabler, nicht zu harter Flex erleichtern den Aufstieg ungemein. Für die sichere Abfahrt im unverspurten Gelände sollte jedoch ein Flex von 130 nicht unterschritten werden.

 

Die richtige Kleidung

So vielseitig die Ausrüstung ist, so leistungsstark sollte auch die Kleidung des Skitourers sein. Wichtig ist, Auskühlung und Überhitzung zu vermeiden. Ein schwieriges Unterfangen, ist doch der Aufstieg schweißtreibend und der Fahrtwind bei der Abfahrt frisch. Auch schon beim Aufstieg können Wind und Schneefall schnell zu Auskühlung führen. Funktionskleidung im Zwiebelprinzip ist hier die Lösung. Wasserdicht, atmungsaktiv und natürlich nicht zu schwer sollte sie sein. Praktisch ist zum Beispiel ein atmungsaktiver Baselayer mit einer dünnen, abgesteppten Daunenjacke mit mittlerer Wärmedämmung (600er Bauschkraft) darüber. Wenn es nass wird, ist eine synthetische Isolierung (z. B. Primaloft) zu empfehlen, die jedoch in ihrer Komprimierbarkeit gegenüber der Gänsedaune das Nachsehen hat.

Für solche Abfahrten ist wasserdichte Kleidung wichtig. © ORTOVOX/Hansi Heckmair

Bei andauerndem Schneefall empfiehlt sich eine leichte Hardshell-Jacke als dritte Schicht, die mit ausreichend Ventilationsreißverschlüssen und idealerweise mit einem Stretch-Materialanteil versehen ist. Für die Beweglichkeit der Beine bietet sich eine Softshell-Hose aus leichtem Material an. Wasserdichte bzw. winddichte Membrane, ein Schneefang und ein ausgeklügeltes Ventilationssystem sind bei den meisten Produkten obligatorisch. Das klingt alles nach sehr wenig Stoff, doch die Wärmeentwicklung beim  Aufstieg darf nicht unterschätzt werden. Je nach Kondition und Schwierigkeitsgrad der Strecke kann es sein, dass man schweißgebadet oben ankommt. Daher unbedingt auch ein Funktionsshirt zum Wechseln für die Hütteneinkehr einpacken.

 

Los geht’s!

Wer das richtige Equipment an den Füßen hat, bewegungsoptimierte Kleidung trägt und vor allem die Gefahren im Gelände achtet, dem steht einem unvergesslichen Abenteuer am Berg nichts mehr im Wege. Eine Auswahl geeigneter Skitourengebiete finden Sie hier.

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