ISPO 2016 – Teil 1: Technische Finessen bei Ski & Schuh

3. Februar 2016 - Katharina Teudt

Auf der ISPO präsentierten alle kleinen und großen Hersteller ihre Produkt-Highlights, die im Herbst 2016 in die Läden kommen. Große Themen im Ski-Bereich sind nach wie vor Leichtigkeit, Vielseitigkeit und Skitouring. Von Schildkrötenpanzer bis zur infrarot-sensiblen Schuhschale waren wieder einige außergewöhnliche Technologien dabei.

Messe-Stand von Nordica mit vielen Neuheiten.

Die Innovationskraft der Sportartikelhersteller ist allgemein groß. Die Konstrukteure schrauben am Feintuning ihrer ohnehin sehr ausgereiften Technologien und in manchen Saisons ist ein bahnbrechendes Novum dabei. Wie jedes Jahr liegt auch diesen Winter der Fokus auf vielseitigen und leichten Skimodellen, etwa fürs Skitouring, bei gleichzeitig starker Abfahrtsperformance. In der Grauzone zwischen Pisten- und Allmountain-Bereich hat sich auch einiges getan, so haben diverse Hersteller ihre Ski- und Schuh-Serien optimiert und neue technische Finessen machen Furore.

Brandneues für die Piste

Die Münchner Ski-Manufaktur Indigo präsentierte auf der Messe ihr neues Ski-Konzept. Es nennt sich ACR und gewann prompt einen ISPO Gold Award. Was steckt dahinter? „Zwei Ski in einem“, so das Motto. Die Technologie erinnert zunächst ein wenig an das Amphibio-Prinzip des slowenischen Skiherstellers Elan, doch geht es bei Indigo nicht um die unterschiedliche Vorspannung, sondern um das eingesetzte Material. Hinzu kommt außerdem ein trennendes Element. Die Skier sind oben und unten der Länge nach tatsächlich durch einen Schlitz geteilt. So kann die linke von der rechten Seite, sowohl an der Schaufel als auch am Skiende, unabhängig reagieren. Das ist entscheidend für den Clou des Modells: Auf der einen Kante ist Fiberglas, auf der andere Carbon verarbeitet. Tauscht man den linken und rechten Ski, ändern sich die Fahreigenschaften radikal. Für die harte, vereiste Piste am Morgen muss die Carbon-Seite innen liegen, für die Schwünge im weichen Sulz am Nachmittag kommt die Glasfiber-Seite nach innen. Der Trick ist also ein Technologie-Gemisch, für das der Fahrer einfach die Skier von links nach rechts tauschen muss.

Der ACR von Indigo

Im alpinen Rennskibereich hat Fischer mit der Curv-Serie die nächste große Geschichte in Sachen hochwertiger Rennskier parat. Das eingesetzte Material ist dem der Weltcup-Fahrer sehr ähnlich, so geben das spezielle Carbon-Laminat Diagotex, hochstabile Titanalbegurtung und ein original Weltcup-Belag dem Ski den Profi-Schliff. Die Bauweise ermöglicht eine spritzige Kurvendynamik, die allerdings nur von sehr guten Fahrern optimal zu beherrschen ist.

Die Curv-Linie ist das Messehighlight von Fischer.

Auch bei den Schweizern von Stöckli gibt es eine ganz neue Technologie: die Turtle Shell. Die Oberfläche besteht aus zahlreichen kleinen Platten und Fugen, welche die Platten beweglich halten. Wird Druck daraus ausgeübt, zum Beispiel beim Aufkanten oder bei hoher Fahrgeschwindigkeit, verzahnen sich die Platten und bilden eine harte Oberfläche. So liefert das Prinzip Schildkröten-Panzer einen Ski mit sehr breitem Einsatzbereich. Unter anderem trägt das aktuelle Highlight-Modell Laser SX den Turtle Shell und hat so je nach Geschwindigkeit immer die richtige Steifigkeit.

Der Stöckli-Ski Laser SX mit neuer Turtle Shell-Technologie.

Leicht, leichter, Allmountain

Gewichtsreduktion spielt auch bei den aktuellen  Skiern und Skischuhen wieder eine große Rolle. Dabei soll die Pistenperformance nicht zugunsten der Geländetauglichkeit beeinträchtigt werden. In diese Richtung bewegt sich Atomic mit seinen Serien-Updates. Der Verkaufsschlager unter den Allmountain-Skischuhen, der Hawx, ist ab nächster Saison in der Version Hawx Ultra um 25 Prozent leichter. Das liegt vor allem an seiner Progressive Shell, einer ausgedünnten Schale, die nur an den nötigsten Stellen verstärkt wurde. Das Highlight-Modell bei den Allmountain-Skiern ist der Vantage X, der diese Saison um ganze 20 Prozent leichter daherkommt. Auch die Raceski-Serie Redster von Atomic wird mehr und mehr auf den Allmountain-Bereich ausgerichtet.

Der Vantage X von Atomic. © Mirja Geh

Salomon legt mit dem QST einen neu konstruierten Allmountain-Ski vor. Die relativ breiten Latten zeichnen sich vor allem durch einen 3D-gefrästen Holzkern aus. Dieser ist mit einem speziellen Carbon-Flachs-Gemisch verstärkt, dem sogenannten CFX Superfiber. Dadurch wird der Ski sehr stabil und dämpft optimal.

Unser Lieblingsmodell der neuen QST-Serie von Salomon in strahlendem Blau.

Da sich das Skitourengehen längst vom Trend zum etablierten Bergsport gemausert hat, sind auch die Tourenski fester Bestandteil der Ski-Kollektionen. So kommt man in diesem Segment auch nicht mehr an La Sportiva vorbei. Der Skitouren-Spezialist kommt diesen Winter mit der ganz neuen Linie Maximo LS heraus. Die Modelle wurden in Zusammenarbeit mit dem italienischen Unternehmen SkiTrab entwickelt. Das besondere an den Skiern ist ihr Kern, der aus einem sehr leichten Holz besteht, das mit Fiberglas ummantelt ist. Das macht ihn sehr widerstandsfähig und doch leicht. Außerdem passt sich der Flex dem Terrain an und eine Fiberglasplatte unter der Bindung sorgt für festen Halt des Fahrers auf dem Ski.

Maximo LS von La Sportiva

Im Tourenbereich hat auch Fischer mit dem Modell Verticalp technisch noch eins draufgesetzt. Der Ski bringt bei 161 cm nur 580 Gramm auf die Waage und kann mit dem Weight Tuning System auf ein individuelles Schwunggewicht eingestellt werden.

Ausgeklügelte Konzeptreihen

Blizzard bringt eine gänzlich neue Konzept-Linie heraus: Quattro. Insgesamt besteht diese aus acht Ski-Modellen, deren vier Kernelemente Shape, Rocker, Konstruktionsweise und Suspension-Technologie (Dämpfung) unterschiedlich abgestimmt sind. So erhält jeder Ski eine eigene Charakteristik und passt zum individuellen Pistenfahrer. Das sportliche Modell Quattro RS erhielt für diese technischen Finessen einen ISPO Award.

Die Quattro-Kollektion von Blizzard.

Die neue Damen-Serie Flair von Völkl ist ebenfalls eine durchdachte Modellreihe, welche die jeweiligen Technologien aus dem Straubinger Werk so kombiniert, dass sie auf die speziellen Anforderungen der Ladies abgestimmt sind. Da wären drei Allrounder für das kraftsparende Fahren, zwei etwas breitere und doch sehr leichte Allmountain-Modelle und zwei Topmodelle mit Seitenwangen, Tip-Rocker und reduziertem Gewicht.

Skifahren mit FLAIR – mit der neuen Damen-Linie von Völkl. © Marker Völkl International – Peter Mathis

Designs für fesche Damen

Apropos Lady-Ski: Besonders für Frauen hat sich auf dem Skimarkt wieder einiges getan und so gut wie alle Marken haben umfangreiche Damen-Linien zu bieten. Es wurde viel in frauenspezifische Konstruktionen und schickes Design investiert, so zum Beispiel bei Elan. Die Slowenen haben ihre gerade erst eingeführte Amphibio 4D-Technologie in zwei neue Modelle verarbeitet, den Amphibio 80 und das Damenmodell Interra. Der wendige Allmountain-Ski ist mit seinem Vibrationsabsorber und der Freeflex-Bindung für sportliche Fahrerinnen gemacht und wird mit einem eleganten Design in der Trendkombi Grau und Pink mit glänzenden Details abgerundet. Ein echter Hingucker ist die Spezial-Anfertigung aus der sehr leichten Damenski-Serie Delight. In Kooperation mit Swarovski entstand der Delight Swarovski, den ein Kristallemblem unterhalb der Schaufel ziert.

Der Elan Delight-Damenski mit Swarovski-Emblem.

Alles super

Der Super Charger ist die neue Herren-Pistenmaschine von K2. Aus der Charger-Familie entsprungen, besitzt dieser dynamische Pistenski die Full-RoX-Technologie, eine diagonal über den gesamten Ski verlaufende Metallverstärkung. Dazu sorgen ein Metall-Laminat und Carboneinlagen für die nötige Stabilität und Härte.

Die Supershape-Serie von Head.

Ein „Super“-Modell hat auch Race-Spezialist Head in petto. Der Supershape kommt in vier Ausführungen für unterschiedliche Nuancen beim Schnellfahren. Head setzt auch extrem auf Gewichtsreduzierung. So ist in die Supershape-Serie das stabile und superleichte Graphene verbaut, das bereits länger im Tennisschläger-Bereich verwendet wird.

Schuh-Fitting im Fokus

Passform geht im Skischuhbereich bekanntermaßen über alles. So haben mittlerweile fast alle Hersteller ein individuell anpassbares Schuhsystem im Sortiment. Sei es der Schaft, der Vorfuß, das Lining oder direkt der ganze Schuh – jeder hat seine eigene technische Lösung auf dem Weg zur perfekten Passform parat. Dalbello verspricht mit seinem My Fit System eine 100-prozentige individuelle Anpassung von Außen- und Innenschuh. Die Contour 4-Außenschale ist an vier kritischen Stellen vorgeformt und passt sich noch exakter an den anatomischen Umriss des Fußes. Die Mehrheit der Dalbello-Skischuhe ist mit diesem System ausgestattet.

Das My-Fit-System von Dalbello.

Der Race-Schuh Speedmachine 130 von Nordica verfügt über eine neuartige Schale, die unter Infrarot-Strahlung individuell angepasst werden kann. Dieser technische Fortschritt brachte dem Modell einen ISPO Gold Award ein. Hinter der Entwicklung steht die Tecnica Group, die in Sachen Ski und Schuh an mehreren Fronten ausgebessert und noch weitere Preise eingeheimst hat: So wurde der Skitourer Zero G Guide Pro von Tecnica ebenfalls mit einer der begehrten Auszeichnungen geadelt. Der Schuh besitzt ein 30 Prozent dünneres, aber sehr hartes Schalenmaterial, wodurch er auf ein Gewicht von weniger als 1.500 Gramm kommt.

Der Nordica-Schuh Speedmaschine gewann einen ISPO Gold Award.
Ebenfalls ein Gold-Winner: der Zero G Guide Pro 130 von Tecnica.

Bekannt für eine innovative Schuhanpassung ist auch Fischer. Die Österreicher haben ihre Vacuum-Full-Fit-Technologie, durch die der Skischuh unter Hitze um den Fuß modelliert wird, nochmals verfeinert. Jetzt können der Knöchel- und Vorderfußbereich noch exakter angepasst werden. Außerdem hat Fischer seinem neuen Tourenschuh Travers (von Transalp und Versatile) das schlingenförmige Boa-Verschlusssystem verpasst. Dieses ermöglicht ein gleichmäßigeres Schließen über den gesamten Fuß. Zudem wiegt der Schuh dank einer dünneren Schale unter einem Kilo.

Der Travers-Carbon-Tourenschuh von Fischer mit Boa-Schlingenverschluss.

Schuhsohle mit Grip

Im Schuhbereich ist momentan die vielseitige Sohle ein aktuelles Thema. Um die Sicherheit beim Gehen in den klobigen Boots zu erhöhen, hat Bindungs-Profi Marker ein Modell entwickelt, welches die Eigenschaften einer Tourensohle mit denen eines klassischen Alpinschuhs kombiniert. Spezielles Anti-Rutsch-Gummi mit gehärteten Zonen und ein ordentliches Profil sorgen für Halt auf glattem Untergrund wie z. B. vereisten Flächen. Hinzu kommt ein Rockerprofil mit einer leichten Aufbiegung nach oben, das ein entspanntes Abrollen beim Gehen ermöglicht. Da sowohl die ISO-Norm für Touring (ISO 9523) als auch die für Alpin (ISO 5355) erfüllt sind, kann die Misch-Sohle auf vielerlei Bindungssystemen eingesetzt werden. Kompatibel ist sie mit allen Grip-Walk-Ready-Bindungen von Marker, aber auch Skischuhen von Dalbello, K2, Nordica und Tecnica.

Die neue Walksohle von Fischer mit Rocker-Effekt.

Ein ganz ähnliches Walk-Sohlen-Konzept hat Fischer im Gepäck: Die spezielle Walk-Sohle vereint ebenfalls die Vorteile aus der Touren- und Alpin-Norm und ist gerockert. Sie besitzt dazu ein weicheres Profil für besseren Grip, was das Gehen im Alpinschuh vereinfacht.

Off-Topic: Neuartiges Snowboard

Zu guter Letzt noch ein Schmankerl aus der Snowboard-Corner: Hier hat der Ski- und Board-Hersteller K2 ein ganz spezielles Unikat parat. Zu der Enjoyers-Serie kommt das Snowboard „Split Bean“ hinzu. Dieses Splitboard besitzt einen Swallow-Tail, das laut Hersteller einzige Splitboard dieser Art auf dem Markt.

Das Cool Bean Splitboard von K2.

Mehr zum Thema: ISPO Trends – Teil 2 ISPO Trends – Teil 3

Print Friendly and PDF
Davos – Skigebiet Davos Klosters

Heilklimatischer Kurort, höchste Stadt Europas, „Zauberberg“ – Davos ist ...

Saisonfinale: Hier lohnt sich Skifahren im April

Lange Tage, milde Temperaturen, viel Sonne – in den Alpen herrscht Frühling. Und ...